Die psychologischen Folgen eines Aufenthalts auf der Intensivstation

Es kann mehrere Monate oder manchmal sogar mehr als ein Jahr dauern, bis man sich von einem Intensivaufenthalt vollständig erholt hat. In dieser Zeit fühlen Sie sich möglicherweise sehr geschwächt, werden bei geringer Anstrengung müde und haben Schwierigkeiten mit alltäglichen Aufgaben wie Anziehen, Fortbewegen oder Essen. Der Verlust von Selbstständigkeit kann verunsichern und schwer zu akzeptieren sein. Ein Aufenthalt auf der Intensivstation ist eine intensive Erfahrung, die trotz aller Bemühungen des Behandlungsteams Spuren hinterlassen kann. Mehr über das Erleben auf der Intensivstation erfahren.

Die körperlichen, psychischen und/oder kognitiven Beschwerden, die nach der Entlassung auftreten können, werden als Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) bezeichnet.

Der Verlauf ist unterschiedlich und nicht immer vorhersehbar: Beschwerden können nachlassen, anhalten oder sich im Laufe der Zeit verändern. Wenn Sie solche Symptome bei sich bemerken, wenden Sie sich an Gesundheitsfachpersonen, damit ihre Auswirkungen auf Ihre Lebensqualität begrenzt und Ihre Erholung bestmöglich unterstützt werden können.

Dies kann Ihre Stimmung beeinflussen Es ist normal, dass Sie sich :

  • Verärgert,
  • Ständig müde,
  • Lastend und demoralisiert, so dass Sie Ihre körperliche Erscheinung vernachlässigen
  • Reizbar und aggressiv
  • Schuldig und besorgt über die Probleme, die Sie vielleicht um sich herum verursachen werden
  • Ohne Appetit
  • Verwirrt, weil Sie nicht verstehen, was Ihnen passiert ist und wie krank Sie waren
  • Verängstigt, weil Sie dem Tod nahe waren und Angst haben, wieder krank zu werden
  • Ungeduldig und besorgt, dass die Heilung zu lange dauert

Nach der Entlassung aus der Intensivstation werden Sie möglicherweise auch die folgenden psychologischen Symptome haben:

Träume, die Ihnen mehr als real erscheinen werden

Träume, die sich realer als die Wirklichkeit anfühlen

Halluzinationen, Albträume und Flashbacks: Manche Patientinnen und Patienten träumen auch nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation weiterhin von Erlebnissen aus dieser Zeit oder von den Verwirrtheitszuständen während Koma- oder Aufwachphasen. Diese Träume können sehr belastend sein und sich äußerst real anfühlen. Sie hängen wahrscheinlich mit dem Gefühl der Hilflosigkeit während des Intensivaufenthalts zusammen, mit möglichen Fixierungen, die verhindern sollten, dass lebenswichtige Katheter oder Sonden herausgezogen werden, oder mit schmerzhaften Behandlungen, die manchmal notwendig waren.

 

Manchmal treten solche Erinnerungen an tatsächliche Ereignisse oder an „Intensivstations-Träume“ auch tagsüber auf, während Sie etwas anderes tun. Sie unterbrechen den Alltag, reißen Sie aus der Gegenwart und versetzen Sie zurück in diese vergangenen Situationen. Das nennt man Flashbacks. 

 

Solche Symptome können mit einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung zusammenhängen. Dabei handelt es sich um eine Reaktion der Psyche auf den außergewöhnlich starken Stress, den Sie auf der Intensivstation erlebt haben. Wenn Sie solche Phänomene erleben, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt und mit einer Psychologin bzw. einem Psychologen, gegebenenfalls auch mit einer Psychiaterin oder einem Psychiater. Es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten – sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch –, die Ihnen helfen können, diese Beschwerden zu überwinden. 

 

Gespräche mit Angehörigen, die Sie besucht haben, oder ein vorhandenes Intensivtagebuch können Ihnen möglicherweise Hinweise geben, die helfen, Ihre Erinnerungen und Träume aus der Intensivzeit besser zu verstehen und einzuordnen. Zu verstehen, wie das eigene Erleben solche nicht immer angenehmen Träume hervorgebracht hat, kann sehr hilfreich sein.

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Angst oder Paranoia

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine psychische Erkrankung, die nach einem besonders belastenden oder bedrohlichen Ereignis auftreten kann. Nach einem Intensivaufenthalt kommt sie vergleichsweise häufig vor und ist kein Zeichen persönlicher Schwäche, sondern kann Ausdruck der Intensität des Erlebten sein.

Grundsätzlich kann jeder Mensch nach einem lebensbedrohlichen Ereignis eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Es gibt verschiedene wirksame Behandlungsmöglichkeiten; wichtig ist, die Beschwerden ernst zu nehmen und Hilfe zu suchen.

Zu den möglichen Symptomen gehört Vermeidungsverhalten – etwa das Meiden von Orten, die an das belastende Ereignis erinnern. Wenn Sie deshalb Schwierigkeiten haben, für notwendige Nachsorge in das Krankenhaus zurückzukehren, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder einer psychologischen Fachperson, damit Ihre Versorgung entsprechend angepasst werden kann. Nach einem Intensivaufenthalt bleiben sowohl die körperliche als auch die psychische Nachsorge wichtig.

Informationen zur posttraumatischen Belastungsstörung finden Sie beispielsweise auf der Website des französischen Centre national de ressources et de résilience.

Angst und Ängstlichkeit

Nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation können Ängste auftreten: die Sorge, erneut krank zu werden, bestimmte Dinge nicht mehr zu schaffen, ein Verlust des Selbstvertrauens oder die Angst, dass Angehörige erkranken könnten. Solche Reaktionen sind häufig und stehen im Zusammenhang mit der außergewöhnlich belastenden Erfahrung einer intensivmedizinischen Behandlung. Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, einer Psychologin/einem Psychologen oder einer Fachärztin/einem Facharzt für Psychiatrie über Ihre Sorgen. Wenn die Beschwerden den Alltag stark beeinträchtigen, kann auch eine medikamentöse Behandlung in Betracht gezogen werden. Bei vielen Menschen nehmen die Symptome mit der Zeit ab.

Depressive Beschwerden

Depressive Symptome sind nach einem Intensivaufenthalt häufig. Sie haben ein schwerwiegendes, zutiefst verunsicherndes Ereignis erlebt und stehen möglicherweise vor einer langen, anstrengenden und manchmal entmutigenden Rehabilitation.

Es ist verständlich, dass es Ihnen schlecht gehen kann: dass Sie traurig, erschöpft, niedergeschlagen oder antriebslos sind. Das Überleben einer schweren Erkrankung bedeutet nicht automatisch, sich sofort glücklich zu fühlen. Oft braucht es Zeit, körperliche Erholung, Selbstfürsorge und die Möglichkeit, das Erlebte zu verarbeiten.

Sie dürfen sich Unterstützung holen – von Angehörigen ebenso wie von Fachpersonen für körperliche und psychische Gesundheit. Depressionen sind behandelbar, insbesondere wenn sie früh erkannt werden. Sprechen Sie darüber und teilen Sie Ihrem Umfeld mit, wie es Ihnen wirklich geht.

Angehörige verstehen manchmal nur schwer, warum „es noch nicht gut ist“, wenn die akute Lebensgefahr längst vorbei ist. Für Sie beginnt die Verarbeitung jedoch häufig erst jetzt: Sie erkennen, was geschehen ist, welche Folgen bestehen und wie viel Zeit oder Anpassung noch nötig sein kann. Ein Gespräch mit einer außenstehenden Fachperson kann helfen, sich weniger allein und besser verstanden zu fühlen.

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Kognitive Folgen

Nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation sind kognitive Beschwerden nicht selten. Sie können Gedächtnis, Konzentration und sprachlichen Ausdruck betreffen; Ausprägung und Dauer unterscheiden sich stark von Mensch zu Mensch. Besonders das Alltagsgedächtnis kann beeinträchtigt sein: einfache Handlungen oder wichtige Informationen werden leichter vergessen. Viele Betroffene berichten außerdem, dass Lernen und Merken schwerer fallen oder dass sie sich wie in einem „mentalen Nebel“ fühlen. Die Konzentration kann rasch nachlassen; selbst einfache Aufgaben können große Anstrengung erfordern, insbesondere bei anhaltender Müdigkeit. Auch beim Sprechen oder Schreiben können Schwierigkeiten auftreten: Wörter fallen nicht ein, der Gesprächsfaden geht verloren, die Sprache wirkt weniger flüssig, die Artikulation ist erschwert oder beim Schreiben treten ungewohnte Rechtschreib- und Grammatikfehler auf. Manche Menschen benötigen häufiger Hilfsmittel beim Rechnen. Solche neu aufgetretenen Störungen können viele Bereiche des Alltags beeinflussen – Lesen, Schreiben, Kommunikation oder auch das Autofahren – und sich auf Familie und soziale Kontakte auswirken. Wenn Sie nach Ihrem Intensivaufenthalt solche Schwierigkeiten feststellen, ignorieren Sie sie nicht. Sprechen Sie frühzeitig mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer anderen Fachperson, die Ihre Erholung begleitet. Bei Bedarf können Psychologie oder Logopädie einbezogen werden. Eine neuropsychologische Untersuchung kann helfen, die Beschwerden genauer zu verstehen und geeignete Strategien oder ein kognitives Training zu planen. Gleichzeitig ist es sinnvoll, Gedächtnis, Konzentration, Lernen und Ausdruck regelmäßig anzuregen – etwa durch Lesen, einfache Übungen, Musik, Zeichnen, Gartenarbeit, das Lernen einer Sprache oder andere Aktivitäten, die Ihnen Freude machen und Aufmerksamkeit erfordern. Routinen, Erinnerungsnotizen und eine klare Tagesstruktur können den Alltag zusätzlich erleichtern.

Familiendynamik

Ihre Familie und Ihre Angehörigen haben die Wochen, die Sie auf der Intensivstation verbracht haben, als eine intensiv angstbesetzte Zeit erlebt. Bei Ihrem Austritt können sie sich besonders beschützend oder sogar überfürsorglich zeigen, was angenehm, aber auch ärgerlich sein kann, wenn Sie normalerweise ein sehr unabhängiger Mensch sind. Eine gute Kommunikation über Ihre Bedürfnisse (nach Hilfe, aber auch nach Einsamkeit und Ruhe) wird Ihnen helfen, ein neues Gleichgewicht zu finden. Sprechen Sie mit ihnen über Ihre Gefühle und fragen Sie sie, wie sie sich fühlen und wie sie die Zeit in Ihrem Krankenhaus erlebt haben.

Das hilft Ihnen, sich besser zu verstehen. Sie zu bitten, Ihnen von Ihrem Krankenhausaufenthalt zu erzählen, hilft ihnen auch, aufgestaute Ängste abzubauen, und lässt Sie besser verstehen, wie lange es dauert, bis Sie sich erholen.

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Schlaf

Ihre Erholung besteht aus Ruhe und regelmäßigem Schlaf, aber es ist möglich, dass Ihr Schlaf in der ersten Zeit sehr zerstückelt ist. Ihr nykthemaler Rhythmus (Tag-Nacht-Rhythmus) wurde auf der Intensivstation aufgrund der ständigen Pflege und Überwachung, der Sie unterzogen wurden, stark gestört. Es kann mehrere Wochen dauern, bis Sie wieder einen normalen Schlaf bekommen. Vermeiden Sie Kaffee und Tee am Ende des Tages und bevorzugen Sie ruhige Aktivitäten (Lesen, Radio hören) vor dem Schlafengehen.

Verstehen, was Ihnen passiert ist

Wie sich ein Aufenthalt auf der Intensivstation anfühlt, ist etwas sehr Persönliches. Er kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Einige werden sich Sorgen um den weiteren Verlauf ihrer Behandlung machen, andere versuchen, diese Tortur zu vergessen. Für andere wiederum ist es ein traumatisches Erlebnis, so krank gewesen zu sein, dass sie viel Zeit und Arbeit an sich selbst benötigen, um es zu akzeptieren. Manche Menschen verspüren das Bedürfnis, Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen oder neue Projekte zu starten. Wie auch immer Sie in diesem Moment reagieren, Ihre Gefühle sind legitim.

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Dinge, die Ihnen helfen können, das Erlebte zu verarbeiten

Nach Ihrer Entlassung haben Sie möglicherweise Fragen zu Ihrem Aufenthalt auf der Intensivstation. Einige Krankenhäuser bieten Ihnen eine klinische Nachsorge nach dem Krankenhausaufenthalt an. Diese kann einen Besuch in der Abteilung beinhalten, in der Sie behandelt wurden, um die Personen, die sich um Sie gekümmert haben, wiederzusehen und zu verstehen, was mit Ihnen passiert ist.

Der Gedanke, wieder auf die Intensivstation zu gehen, kann Ihnen Angst machen. Warten Sie, bis Sie dazu bereit sind, aber es wird Ihnen helfen, zu verstehen, was passiert ist und was Sie erlebt haben.

Das Lesen und Wiederlesen des Tagebuchs, das Ihre Angehörigen während Ihres Aufenthalts geschrieben haben, wird Ihnen auch helfen, Ihre Erinnerungen zu ähneln, Ihr Gedächtnis wiederzuerlangen und dem, was Sie während Ihres Aufenthalts auf der Intensivstation erlebt haben, einen Sinn zu verleihen. Vielleicht möchten Sie es allein lesen, vielleicht fühlen Sie sich aber auch wohler, wenn Sie von einer Ihnen nahestehenden Person begleitet werden, die einfach nur anwesend ist oder Ihnen auf Wunsch vorliest. Lassen Sie sich begleiten, wenn Sie das Bedürfnis danach verspüren.

Manchmal hilft es, das Erlebte mit Menschen zu teilen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Das soziale Netzwerk Second Life wurde geschaffen, damit ehemalige Intensivpatientinnen und -patienten miteinander in Kontakt treten können. Der geschützte Bereich bringt drei Gruppen zusammen: ehemalige Patientinnen und Patienten, Angehörige und Gesundheitsfachpersonen. Der Austausch findet in thematischen „Kanälen“ statt, die entweder allen drei Gruppen oder nur einer bestimmten Gruppe offenstehen.

Wenn Sie weitere psychische Folgen eines Intensivaufenthalts erlebt haben, an die wir hier nicht gedacht haben, teilen Sie sie uns gern mit! LifeMapp lebt von den Erfahrungen seiner Nutzerinnen und Nutzer.